20. September 2008
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von Elliot Sperling und Larry Gerstein, ITIM


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Takster Rinpoches Lebensgeschichte

Taktser Rinpoche wurde 1922 in Amdo in Osttibet geboren und noch als Kind vom 13. Dalai Lama als die 23. Inkarnation des vorhergehenden Taktser Tulku anerkannt. Mit acht Jahren wurde er in das berühmte Kloster Kumbum gebracht und dort zu einem der wichtigsten Lamas herangebildet. Das Kloster Kumbum ist die Geburtsstätte des Lama Tsongkapa, des Gründers der Gelugpa-Schulrichtung des tibetischen Buddhismus.

Rinpoche 1997 beim Marsch für ein freies Tibet

Als sein jüngerer Bruder als der Dalai Lama erkannt wurde, begab Norbu sich nach Lhasa in Zentraltibet, wo er seine Studien an der renommierten Klosteruniversität Drepung fortsetzte. Als dann die chinesische Volksbefreiungsarmee 1949 einmarschierte und das Kloster unter ihre Kontrolle brachte, kehrte er nach Amdo zurück, wo er Abt von Kumbum wurde. Unter den damals äußerst bedrängenden Umständen versuchte er seine Region so gut er konnte vor der Unterdrückung zu schützen, die dasneue kommunistische Regime unvermeidlich mit sich brachte. Über ein Jahr lang war er in den Händen der chinesischen Regierung und konnte sich erst freimachen, als er auf das Angebot einging, in ihrem Auftrag nach Lhasa zu reisen, um Seine Heiligkeit zu überreden, die Annexion Tibets durch China zu akzeptieren. Die Chinesen erklärten Takster Rinpoche, falls Seine Heiligkeit dem Ersuchen nicht zustimme, müsse er entfernt werden, und sei es durch Mord. In diesem Fall würden sie, so versprachen sie ihm, ihn zum Gouverneur Tibets machen. Kaum hatte er jedoch das Gebiet erreicht, das noch unter der Kontrolle der rechtmäßigen Regierung Tibets war, entledigte sich Norbu seiner chinesischen Eskorte und setzte den damals 15jährigen Dalai Lama unverzüglich von all dem in Kenntnis, was in dem von China verwalteten Amdo vor sich ging, auch von dem Ansinnen, ihn falls notwendig ermorden zu lassen.

Taktser Rinpoche sagte Seiner Heiligkeit, daß es für Tibet nicht auszudenken sei, unter chinesischer Herrschaft zu leben und bat ihn inständig, dem chinesischen Druck unter keinen Umständen nachzugeben. Bald darauf verließ Norbu Tibet und begab sich nach Indien, wo er bemüht war, die Unterstützung Amerikas für den tibetischen Widerstand zu gewinnen. Als Seine Heiligkeit sich entschied, die Eingliederung Tibets in die VR China zu akzeptieren, zog Norbu es vor, außerhalb Tibets zu bleiben und dort seine Arbeit fortzusetzen. Nun ging es jedoch nicht mehr darum, China aus Tibet herauszuhalten, sondern darum, Tibet von China zu befreien.

In den fünfziger und sechziger Jahren arbeitete Norbu unermüdlich für Tibet. Als sämtliche in den fünfziger Jahren unternommenen Anstrengungen, China versöhnlich zu stimmen, fehlschlugen, und das tibetische Volk sich erhob, um die ihm gebührende Unabhängigkeit zu fordern, war Norbu bereits gewappnet, um zu helfen. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Koordinierung der Hilfe für die Flüchtlinge, die jetzt nach Indien strömten und organisierte die tibetischen Widerstandskämpfer, die China unverdrossen trotzten, obwohl die chinesische Armee in großer Zahl einrückte, um den bewaffneten Widerstand niederzuschlagen. Norbu wirkte auch als Repräsentant Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und der Tibetischen Exilregierung in Japan und Nordamerika.

1965 gab Norbu seine Position beim American Museum of Natural History auf, an dem er mehrere Jahre tätig gewesen war, und folgte einem Ruf der Abteilung für Ural- und Altai-Studien (heute Zentralasiatische Studien) der Universität von Indiana. Seine Anwesenheit auf dem Campus der Universität in Bloomington wirkte inspirierend, er war ein dynamischer Lehrer und erfüllte das tibetische Studienprogramm mit Kraft und Energie, er bildete außerdem eine Reihe von wichtigen Spezialisten auf diesem Gebiet heran. Bei Norbu zur Schule zu gehen, war eine ganz besondere Erfahrung, er war für seine Studenten ein Quell der Information und des Wissens und schenkte ihnen stets großzügig seine Kenntnisse und Zeit.

Während dieser ganzen Periode und auch noch nach seinem Rückzug in den Ruhestand 1987 war Norbu ein unermüdlicher Kämpfer für die Sache Tibets. 1979 gründete er das Tibetische Kulturzentrum in Bloomington, Indiana, eine Begegnungsstätte für alles Tibetische. Seine Funktion war die Vermittlung der Bildung über Tibet und er hoffte, die Lage Tibets und die Natur der chinesischen Herrschaft der Allgemeinheit näher zu bringen. Er hielt wenig von den Argumenten derjenigen, die glaubten, daß Tibet als ein „autonomes“ Gebilde in China florieren könne. Er wußte nur allzu gut, daß kulturelle und politische Freiheit untrennbar sind, und daß politische Freiheit bedeutet, daß die Tibeter die Freiheit haben müssen, über das Schicksal ihres Landes selbst zu bestimmen. Er war sich bewußt, daß die große Mehrheit der Tibeter ein unabhängiges Tibet herbeisehnt, das anderen Ländern ebenbürtig und ein Mitglied der Vereinten Nationen ist.

Daher gründete er nach seinem Ausscheiden aus der Universität 1995 International Tibet Independence Movement, und widmete dieser seine Zeit und Kraft. So führte er etwa 1996 zusammen mit dem ehrwürdigen Palden Gyatso einen 45tägigen Marsch über 300 Meilen von der chinesischen Botschaft in Washington, D.C. bis zu dem Sitz der Vereinten Nationen in New York für ein unabhängiges Tibet an. Und 1997 marschierte Norbu zusammen mit anderen Aktivisten drei Monate lang 600 Meilen für ein unabhängiges Tibet von der chinesischen Botschaft in Toronto zum chinesischen Konsulat in New York. Ende der neunziger Jahre wirkte Norbu auch bei der Gründung der Rangzen Alliance mit, einer weiteren Organisation, die sich der Unabhängigkeit Tibets verschrieben hat.

2004 ehrte der Tibetische Jugendkongreß Norbu mit seiner höchsten Auszeichnung, dem „Rangzen Preis“.

Das letzte Mal, daß Norbu öffentlich politisch für Tibet in Erscheinung trat, war am 4. Juni 2008. An diesem Tag nahm er die tibetische Freiheitsfackel von seinen Söhnen Lhundrup, Kunga und Jigme entgegen, die sie im Zuge der weltweiten Tibetaktionen im Zusammenhang mit der Pekinger Olympiade 2008 teils per Fahrrad teils zu Fuß von Indianapolis nach Bloomington gebracht hatten.

Taktser Rinpoche war Lehrer, Gelehrter, Kämpfer und Aktivist. Er war vielen ein guter Freund, aber ein unerbittlicher Feind der Unterdrückung, ein energischer und dennoch mitfühlender Verfechter der Gerechtigkeit. Durch seine Bücher und Aktivitäten beeinflußte er unzählige Menschen und gab ihnen einen Einblick in die reiche Zivilisation und den unverwüstlichen Geist Tibets. Seine Familie, seine Freunde, seine Schüler, seine Kollegen und Freunde Tibets in aller Welt trauern tief um ihn.